Fredi M. Murers Laudatio für Charly Huser - Anerkennung der Filmakademie Quartz 2012

21. März 2012 - 17:42

Ehre für den Vertreter einer vergehenden Epoche: Lichtbestimmer Charly Huser

Meine Damen und Herren, liebe Film- und Digitalverrückte Wir wissen es alle, aber ich wiederhole es gerne ein letztes Mal: Seit der Erfindung des bewegten Bildes - vor bald 120 Jahren - war und ist der Film einer permanenten Revolution unterworfen. Wobei der technische Pioniergeist dem künstlerischen immer eine Nasenlänge voraus war. Und kaum hatten sich die Filmkünstler die technischen Errungenschaft zu eigen gemacht, stand schon die nächste vor der Tür.

So hatte die Erfindung des Tonfilms die sagenhafte Ära des Stummfilms beendet. Mit dem ersten Color-Film - vor 71 Jahren - begann das unaufhaltsame Entschwinden der schwarzen und weissen Farben – wie Alain Tanner mal sagte. Der Anamorphot vertrieb das gemütliche Normalformat aus unseren Kinos, und der Dolby-Stereo-Surround-Sound eliminierte den ehrlichen Mono-Ton. Etc.

Aber jetzt, in diesen Tagen, meine Damen und Herren, steht uns in der langen Filmgeschichte zum ersten Mal nicht nur eine technische Revolution, sondern ein veritabler Weltuntergang bevor! - Nämlich der Untergang der analogen Filmkultur.

Was wir seit über 100 Jahren buchstäblich in unseren Händen gehalten haben, ist im Begriff sich zu entmaterialisieren, d. h. sich in Abermillionen von Pixels aufzulösen, bestehend aus nichts als Zahlen. Virtuell gespeichert auf klitzekleinen Memory-Sticks oder Harddisk-Boxen, von denen wir weder die Halbwertszeit noch das Verfalldatum kennen. - Ich weiss gar nicht, warum wir so fröhlich sind!

In absehbarer Zeit werden Labels wie KODAK, FUJI, AGFA, GEVAERT oder FERRANIA nur noch im Fremdwörterbuch zu finden sein. Aus diesem Grunde haben wir – für die Nostalgiker unter Ihnen – der Einladung ein echtes Stück perforierten Azetat-Film mit analogem Lichtton beigelegt. Ein Streifchen Film übrigens, das nachweislich durch die Hände eines Mannes in weissen Handschuhen gegangen ist, durch dessen Hände auch einige Hundert andere Schweizer Filme gegangen sind.

Im Abspann stand hinter seinem Namen jeweils das wundersame Wort: LICHTBESTIMMUNG. Sein Name ist: Charles Huser – genannt Charly, und er sitzt heute ausnahmsweise mal in der ersten Reihe. - Ich grüsse Dich!

Lieber Charly, ich freue mich sehr, Dich im Namen der Filmakademie und der gesamten Branche für Deine Verdienste am Schweizer Filmschaffen mit einer ANERKENNUNG beehren zu dürfen. - Mit Deinem meisterhaften Auge und Deinem Engagement hast Du wesentlich zur Kino-Magie unzähliger Spiel- und Dokumentarfilme beigetragen.

Ich freue mich sehr, Dich im Namen der Filmakademie und der gesamten Filmbranche für Deine Verdienste am Schweizer Filmschaffen mit einer besonderen Anerkennung zu ehren.

Bevor ich Dich aber auf die Bühne bitte, möchte ich noch ein paar Dinge über Dich erzählen:

Charly Huser kam am 16. März 1949 – also gestern vor 63 Jahren – in Bern zur Welt und nur 16 Jahre später in Ostermundigen zum Film.

Genauer gesagt: Charly begann anno 1965 bei der Schwarz-Filmtechnik GmbH in Ostermundigen eine Lehre als Filmlaborant und besuchte gleichzeitig die Fotolaboranten-Klasse an der Kunstgewerbeschule Bern.

Sein Lehrmeister war der legendäre Film-Pionier Edgar Schwarz.
Im Laufe seiner 46-jährigen Berufskarriere bildete sich Charly zum Film-Entwickler, Film-Kopisten, Negativ-Cutter, Film-Restaurator und schliesslich zum Lichtbestimmer für Schwarz-weiss- und Color-Filme weiter. Später avancierte er zum Kadermitglied mit Prokura und wurde Leiter der Schwarz-weiss- und Farb-Lichtbestimmung. Seine Mitgliedschaft in der Geschäftsleitung behielt er auch bei, nachdem die Egli Film AG das Filmlabor übernommen hatte.

Für uns Filmemacher – und ganz speziell für unsere Kameraleute – war der Name «Charly» ein Synonym für Zuverlässigkeit, Fachkompetenz – und Überstunden. Oft leistete er diese sogar freiwillig, weil er sich mit Leib und Seele mit unseren Projekten identifizierte. Und wenn mal eine Kopie erst einige Stunden vor dem Uraufführungstermin in Solothurn oder Locarno aus der Kopiermaschine kam, brachte er sie höchstpersönlich vorbei – manchmal noch etwas feucht.

Mit seinem feinen Gespür für die richtige Lichtdichte und Farbtemperatur komponierte er aus den unterschiedlich belichteten Einstellungen ein zusammenhängendes Ganzes und hauchte so unseren Kino-Kopien noch das allerletzte Fünklein Seele ein.

Trotz seiner hohen Professionalität war Charly nie der abgebrühte Routinier, sondern blieb der berührte Filmliebhaber. Nicht selten hatte er bei der Endabnahme eines Films, an dem er wochenlang gearbeitet hatte, Tränen in den Augen.

Zu seiner Klientel gehörten ziemlich alle, die hierzulande und im nahen Ausland Rang und Namen hatten. Angefangen bei den Urvätern Franz Schnyder und Kurt Früh, quer durch alle bekannten und weniger bekannten Namen von Filmschaffenden unseres Landes – von mindestens drei Generationen. Zu seinen ganz besonderen Kunden gehörte Wim Wenders und Jean-Luc Godard.

Mit Ausnahme eines 7-monatigen Abstechers an die Kunstgewerbeschule Zürich, wo er 1969 in einem der sagenhaften Filmarbeitskurse von Hans-Heinrich Egger die Kamera- und Tonklasse absolvierte, hielt Charly 46 Jahre seines Lebens derselben Firma die Treue. – Bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung vor drei Jahren, als sein geliebter Film-Betrieb der digitalen Revolution zum Opfer fiel.

Dennoch gehört Charly nicht zu jenen Analog-Veteranen, die finden, früher sei alles besser gewesen. Im Gegenteil, er bewundert und vielleicht beneidet er sogar seine Digital-Kollegen um ihre fast unbegrenzten Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung. Aber nicht bedingungslos. Als Mann mit Stil und Respekt vor Authentizität, würde er es wohl nicht übers Herz bringen, einem aalglatten Digital-Originalbild mit einen modischen (digital hergestellten) Supper-8-Look zu versehen.

Wie ich ihn kenne, zieht er ein echtes Kotelett einer Kotelett-Imitation aus Tofu vor. Womit ich bei Charlys zweiter Leidenschaft angelangt wäre, der Kochkunst. Und dass diese ihn ebenso glücklich macht wie das Lichtbestimmen, ist nicht zu übersehen.

                            © Fredi M. Murer / 16.3.2012